Stimming & Max Cooper: Bildhauerei mit Luftmolekülen im Funkhaus Berlin
Klang als physische Skulptur: Wie Stimming und Max Cooper im MONOM die Grenzen der Stereo-Wahrnehmung sprengen.
Die Architektur der Immersion: Das Ende der Stereo-Diktatur
Das Funkhaus Berlin in der Nalepastraße atmet Rundfunkgeschichte, doch hinter den schweren Türen von MONOM endet die Nostalgie. Hier regiert das 4DSOUND-System, eine technologische Kampfansage an die konventionelle Stereo-Diktatur. Während traditionelles DJing den Klang in eine flache Zwei-Kanal-Ebene presst, dekonstruiert MONOM den Raum. Das System nutzt 48 omnidirektionale Lautsprecher, die in 16 Säulen den Raum säumen, flankiert von neun massiven Subwoofern unter einem akustisch transparenten Boden.

Dieser Aufbau fungiert nicht als bloße PA, sondern als begehbares Instrument. Künstler nutzen den Panning-Algorithmus (4d.pan), um Klangobjekte mit chirurgischer Präzision als Hologramme im Raum zu platzieren. Der Hörer registriert den Sound nicht mehr als Frontalbeschallung; er navigiert durch ein Feld aus unabhängigen physischen Entitäten. Innerhalb dieser Anordnung, oft bevölkert von einem Publikum in uniformen schwarzen Rollkragenpullovern, transformiert sich der Gast vom passiven Konsumenten zum aktiven Navigator. Wer hier nach dem klassischen „Sweet Spot“ sucht, scheitert an der Architektur der totalen Immersion. Diese technologische Befreiung zieht Pioniere an, die das Ende der flachen Signalkette forcieren.
Synthetische Gespenster: Max Cooper und Caterina Barbieri
Max Cooper nutzt das 4DSOUND-Kollektiv seit über einem Jahrzehnt als Labor für seine MESH-Projekte. Er betrachtet Tracks nicht als statische Arrangements, sondern als lebendige Organismen in drei Dimensionen. In Räumen wie dem Stone Nest in London platziert er hunderte Texturen so, dass der Hörer förmlich durch die Komposition wandert. Cooper spielt mit räumlichen Reizen, die unser Orientierungsgefühl unterwandern und weit über herkömmliches Club-Entertainment hinausgehen.

Einen kühleren, fast klinischen Gegenpol bildet Caterina Barbieri. Während Cooper organische Räume modelliert, setzt Barbieri auf die additive Synthese des Native Instruments RAZOR. Sie nutzt die mathematische Präzision der Software, um „räumliche Gespenster“ zu erschaffen. In ihrem Projekt Fantas entstehen komplexe Melodiemuster allein durch die Interaktion von Obertönen im Raum. Barbieri integriert die 4D-Schnittstelle direkt in ihren kompositorischen Prozess und nutzt Tools wie „Shake“ oder „Spasm“, um chaotische, flüssige Bewegungen zu kontrollieren. Wo Cooper eine viszerale Erfahrung sucht, erzeugt Barbieri eine sidereal-grüne, künstliche Welt aus alienartigen Entitäten. Diese digitale Freiheit erzwingt eine neue Haptik – ein Feld, das Stimming mit analoger Härte besetzt.
Stimming: Die Haptik der Hardware-Präzision
Stimming bricht mit der Beliebigkeit des Laptops. Sein Album Elderberry fungiert als Manifest für „Hardware-driven Production“. Sein Setup bildet ein geschlossenes Ökosystem: Das „Mutterschiff“ 1010music Blackbox übernimmt die Drums und das Sequencing, während die Bluebox samt Intech-Controllern als Performance-Mixer dient. Jedes Signal durchläuft die DOCtron Instant Mastering Chain (IMC), die den Sound mit analoger Sättigung zusammenklebt und ihn für den 4D-Raum physisch greifbar macht.

Die klangliche Tiefe entspringt einer obsessiven Detailarbeit an der Hardware. Stimming nutzt das Specular Tempus Pedal fast ausschließlich im „Spatium“-Modus für massive Raum-Reverbs. Der Moog Grandmother liefert durch FM-Synthese auf dem zweiten Oszillator und gezielten Einsatz des Hochpassfilters jene charakteristischen „Kinks“, die seine Grooves auszeichnen. Für die modernen Texturen, die er als „Glue“ zwischen den trockenen Rhythmen nutzt, greift er auf den GR-1 Granular-Synthesizer zurück. Ein UAudio Astra Pedal veredelt die Melodielinien. Trotz dieser Präzision gesteht Stimming die logistische Niederlage ein: Da er sein Studio nicht vollständig auf die Bühne transportieren kann, nutzt er im Club Stems – ein suboptimaler Kompromiss, den er in zukünftigen Projekten durch vollständig reproduzierbare Hardware-Sets auslöschen will.
Der Techno-Cyborg und der geschlossene Stromkreis
Das Erlebnis im MONOM definiert sich als „vibrational practice“. Hören bedeutet hier die multisensorische Wahrnehmung von Vibrationen, die das Fleisch modulieren. Gilbert Simondons Modell des geschlossenen Systems findet hier seine Entsprechung: Der Techno-Event bildet einen elektrischen Schaltkreis. Der DJ agiert als Transformator, die Technik als Induktor und der Tänzer als Transistor innerhalb dieses energetischen Stromflusses.

In diesem System verschmelzen efferente (vom Körper erzeugte) und afferente (von außen einwirkende) Energien. Der Tänzer fungiert als Cyborg, der sich an eine künstliche Umgebung anpasst. Die Automatisierung motorischer Abläufe durch den isochronen Beat befreit den Geist. Diese „Mindlessness“ markiert den Telos des Techno: den Zustand der Trance. Die räumliche Platzierung der Klänge verstärkt den „Flow“, da der Körper die Musik nicht mehr nur hört, sondern als physisches Volumen bewohnt. Der Tänzer verliert das Bewusstsein für das Selbst und verschmilzt mit dem anonymen energetischen Schaltkreis.
Kritik: Das Paradox der De-Spatiasierung
Trotz der technischen Brillanz offenbart das 4D-Konzept systemische Schwächen.
Menschliche Überforderung
Die Fülle räumlicher Reize überlastet oft die kognitiven Kapazitäten. Wenn zu viele Objekte gleichzeitig durch den Raum jagen, schaltet die Wahrnehmung ab.
Der Star-Kult (Das Hawtin-Paradox
Richie Hawtins Auftritt im MONOM demonstrierte die Grenzen der Technologie. Trotz des immersiven Systems starrte das Publikum fast ausschließlich auf den DJ in der Mitte, statt den Raum zu navigieren. Die Präsenz eines Superstars re-zentriert den Raum und annulliert die räumliche Freiheit. Während Hawtin seinen 4-Euro-Sake ausschenken ließ, blieb das Publikum im klassischen Frontal-Modus gefangen.
Elitärer Gimmick-Faktor
Die hohen Kosten für das Equipment und die Komplexität der Software-Integration (Ableton/Max4Live) machen 4D-Sound zu einem exklusiven Spielzeug für eine avantgardistische Elite. Es droht eine Entkoppelung von der rohen, ungeschliffenen Clubkultur.

FAQ
Wird Stereo aussterben?
Nein. Stereo bleibt der Standard für den Massenmarkt, da 4D-Produktionen ohne die entsprechende Hardware-Matrix ihre Wirkung verlieren.
Kann man 4D-Sound zu Hause hören?
Nur als binaurale Simulation über Kopfhörer. Dabei geht jedoch die essenzielle Knochenleitung (bone conduction) durch den vibrierenden Boden verloren.
Wie teuer ist die Nutzung?
Die Systeme stehen fast ausschließlich in spezialisierten Instituten wie MONOM (Berlin) oder dem Spatial Sound Institute (Budapest) für Residencies zur Verfügung.
Welche Software steuert das System?
In der Regel nutzt man Ableton Live in Kombination mit Max for Live und speziellen 4DSOUND-Plugins zur Positionierung der Soundobjekte.
Ist das System nur für Techno geeignet?
Nein. Auch Ambient-Künstler oder klassische Orchester nutzen die 48 Kanäle für immersive Inszenierungen.
Technische Spezifikationen MONOM
- Sprecher: 48 omnidirektionale Lautsprecher in 16 Säulen.
- Bass: 9 Subwoofer unter einem akustisch transparenten Boden.
- Steuerung: 4d.pan Algorithmus zur Erzeugung von Klanghologrammen.
- Kapazität: Immersiver Raum für bis zu 400 Personen.
Fazit: Die neue Ontologie des Klangs

Die Experimente von Cooper, Barbieri und Stimming markieren einen Wendpunkt. Klang existiert hier nicht mehr als flüchtiges Signal, sondern als physische Materie. Ob 4D die Zukunft der Musik bedeutet oder eine technisch beeindruckende Sackgasse bleibt, entscheidet die Bereitschaft der Künstler zur Dekonstruktion. Wer lediglich Stereo-Tracks in den Raum schiebt, scheitert an der Komplexität. Die wahre Revolution liegt in Werken, die ohne diesen spezifischen Raum gar nicht existieren könnten. 4D-Sound fordert uns heraus, das Hören neu zu erlernen – weg vom frontalen Konsum, hin zur Bewegung innerhalb der Musik. Es bleibt die provokante Frage: Sind wir bereit für eine Musik, die uns als physischer Raum umschließt und damit die klassische Club-Erfahrung für immer auflöst?

Quellen
- 4DSOUND: A New Technology? — Analyse der Ontologie von Techno im Raum durch Sydney Schelvis.
- Caterina Barbieri: Sculpting sonic spaces — Interview über die Nutzung von RAZOR und 4DSOUND im MONOM.
- 4DSound: Spatial Delivery — Bericht des Electronic Sound Magazine über Max Cooper und Kali Malone.
- Stimming’s hardware-driven production setup — Detailbericht über das Equipment für das Album Elderberry.
- MONOM – Berlin’s Centre For Spatial Sound — Offizielle Beschreibung des Standorts und der technischen Kapazitäten.
- 4DSOUND composition at MONOM — Projektdetails von Alejandra Cárdenas zur 4D-Residenz.















































































































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